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Das Hotel de L'Europe 1849 in Hamburg

b)     Die bereits bestehenden deutsch-brasilianischen

Siedlungskolonien (Stand um 1846)

Es gab 1846 vier deutsche Siedlungen, die in den Jahren 1825/1828 auf Veranlassung des Kolonial-Ministeriums begründet worden waren:

 

1. In der Provinz Rio de Janeiro., zwei Tage von der Hauptstadt entfernt , die an eine Schweizer Kolonie angelehnte Kolonie Neu-Freiburg, die rund 1850 Bewohner zählte, aber nicht blühen konnte, da das Klima nur den Anbau von Lebensmitteln erlaubte, die wegen der Transportschwierigkeiten bis auf Kartoffeln nicht absetzbar waren.

 

2. in der Provinz Santa Catarina die Kolonie Sao Pedro de Alcantara in der Nähe der Provinzhauptstadt, die bloß achtzig Familien umfasste und mit größeren Schwierigkeiten kämpfte;

 

3. in der Provinz Rio Grande do Sul, in der Häute den Hauptexportartikel darstellten, aber auch der Boden viel hergab, eine Tagesreise entfernt von der Provinzhauptstadt Porte Alegre die Kolonie Sao Leopoldo, die bereits 5400 Seelen zählte, aber durch den diese Provinz von 1835-45 heimsuchenden Bürgerkrieg auseinandergerissen wurde. Denn ihre Mitglieder kämpften sowohl auf Seiten der Kaiserlichen als auch auf Seiten der Republikaner mit. Da noch Tochtersiedlungen hinzukamen, lautet eine Schätzung, dass in dieser südlichsten der Provinzen bereits 14000 Deutsche lebten, von denen die Mehrzahl schon im Lande geboren war. Über deren Zustand lagen positive Urteile vor; doch erinnerten die moralischen Zustände nach einem Bremer Bericht an „Wallensteins Lager“.

 

4. In der Provinz Sao Paulo am Rio Negro schließlich noch eine kleine Siedlung bei Paranagua, über die keine genauen Angaben vorlagen.

Außerdem gab es noch etwas 300 verstreut lebende deutsche Familien. Arbeiter und Handwerker, welche ins Land geholt worden waren, erfuhren durchweg ein trauriges Schicksal, sei es, dass sie dem Klima erlagen, oder sei es dass sie verkamen.

Aus amtlichen Berichten und anderen Zeugnissen ergibt sich, dass in den zwanziger Jahren jeder genommen worden war, der sich anwerben ließ, also auch solche, die mit der deutschen Gerichtsbarkeit in Konflikt geraten waren. Andererseits geht aus ihnen hervor, dass die brasilianische Regierung auf diese Einwanderer nicht nur als Kolonisten, sondern auch als Soldaten erpicht gewesen war. Kein Wunder, dass ein große Anzahl von denen, die diese erste Einwanderungswelle ans Ufer gespült hatte, zugrunde gingen.

Die Bilanz, die in der Mitte der vierziger Jahre gezogen werden musste, war also mehr oder minder niederdrückend.

Aber neue Aussichten ergaben sich dadurch, dass die brasilianische Regierung eine Einwanderung wünschte, um das Land in die Höhe zu bringen und zugleich durch Vermehrung der freien Arbeiter der Sklaverei entgegenzuwirken.

Sie war daher geneigt, die Kosten für die Überfahrt zu übernehmen, falls der Einwanderer bereit war, sie nachher durch Arbeit abzuzahlen. Um Unternehmer anzuregen, boten die Provinzialregierungen darüber hinaus noch Prämien für jeden von diesen angeworbenen Kolonisten an. Auch gab es Grundbesitzer, die ihre Ländereien von der Krone mit der Auflage, sie zu erschließen und zu besiedeln, erhalten hatten und nun auf ihre Kosten Kolonisten ins Land holten: sie übergaben ihnen eine Kaffeepflanzung und ließen sich dafür etwas die Hälfte des Ertrages ausliefern. Hier handelte es sich jedoch um eine sehr zweischneidige Maßnahme, da das einen Anreiz für solche bedeutete, denen es nur darauf ankam, Geld zu verdienen, und sich deshalb um die Auswanderer nicht mehr kümmerten, sowie sei an Land gesetzt waren.

Die Oberpostamtszeitung die im März 1846 zwei von Adolph Schramm als zutreffend gekennzeichnete, auf den Notizen eines Brasilien-Deutschen (war er das etwas selbst?) beruhende Artikel über Lage und aussichten der Deutschen in Brasilien veröffentlichte, stellte die Pro’s und Contra’s gegenüber und kam zu dem Schluss, dass möglicherweise die brasilianische Gesetzgebung und Verwaltung früher oder später sich ändere und der Einwanderer dann besser gestellt sein werde; noch aber sei die Zeit nicht gekommen, „denjenigen unserer Landsleute, welche sich zur Auswanderung nach Amerika entschlossen haben, Brasilien als das Land zu empfehlen, wo sie vorzugsweise Aussicht hätten, ihre Erwartungen eines glücklicheren Loses, als es ihnen die Heimat gewährte, erfüllt zu finden.“

 

c)      Beginn neuer Bestrebungen in Hamburg

 

D

ie Hamburger waren seit langem erbost darüber, dass Bremen das Auswanderergeschäft nach Nordamerika an sich gezogen hatte: 1847 wurden von Bremen dorthin 33 682 Passagiere verschifft, von Hamburg aus nur 8141.

Nun war es dem Senator Duckwitz, einem Manne von Sachkenntnis, großer

Initiative und stark in der Begabung, andere Menschen für seine Ziele zu gewinnen, auch noch gelungen, die Amerikaner für die Begründung einer Dampfschifffahrtslinie von den Vereinigten Staaten  nach Bremen zu interessieren, die aufgrund ihrer größeren Schnelligkeit den Postverkehr an sich zu reißen drohte.

Gleichzeitig trafen aus Rio de Janeiro Nachrichten ein, dass ein Bremer sich dort für die Verwirklichung eines groß angelegten Einwanderungsprojekts einsetzte, das den Bremer Schiffen ausreichende Fracht für die Ausfahrt zu verschaffen versprach -dass die in Rohprodukten bestehenden Frachten durch die exportierten Fertigwaren nicht aufgeworfen wurden, war ein Problem, das auch den Hamburgern zu schaffen machte.

Diese Nachrichten trafen die Hamburger an ihrer verwundbarsten Stelle. „Dass es der Schwesterstadt gelungen ist“, schrieb Sieveking am 30.März 1846 dem hamburgischen Residenten in Berlin, Charles Godefroy (1787-1848) „die Dampfpaketfahrt aus den Vereinigten Staaten nach Bremerhaven zu ziehen, hat –Hauptsächlich des für Hamburg nachteiligen, moralischen Eindrucks wegen- an der hiesigen Börse die größte Aufregung veranlasst.“

Was  unternahmen die Hamburger? An Hand von Akten und Briefen wollen wir das dem Leser genauer darlegen, da die Art, wie sie ihre Fäden spannen und ihr Projekt aus dem Nebel vager Hoffnungen auf Grund sachkundiger Beratung so der Wirklichkeit anpassten, dass es realisierbar wurde, für diese Zeit symptomatisch ist. Denn es handelt sich um jene Phase in der Hamburgischen Geschichte, in der die Öffnung der Welt für den deutschen Handel den Hamburgern entgegen kam und sie andererseits dank ihrer Selbstverwaltung und der durch sie bewirkten Schulung vieler tüchtiger Männer imstande waren, die sich anbietenden Chancen voll und ganz auszunutzen. Es wird die Rede sein von vielen Instanzen: vom Senat, den Syndici und den Oberalten, von Hamburger Residenten und Generalkonsuln sowie von Commerz-Deputation und einigen als Sachkenner herangezogenen Kaufleuten. Dass sie so überraschend gut zusammenwirkten, sich gegenseitig geschickt die Bälle zuwarfen und aufeinander hörten, mag verblüffen; aber wenn man bedenkt, dass die Schreiber, die sich untereinander so korrekt mit den ihnen zustehenden Titel anredeten, entweder eng verwandt waren oder doch auf derselben Schulbank gesessen hatten, dann ist das nicht überraschend. Das war der große Vorteil des noch überschaubaren Stadtstaates, hätte sich aber nicht auswirken können, wenn nicht für alle die Pflicht, in irgendeiner Weise sich dem „Gemeinwesen“ nützlich zu erweisen, selbstverständlich gewesen wäre –man vergegenwärtige sich, dass die meisten der Beteiligten diese Tätigkeit rein ehrenamtlich ausübten. Und wenn man einwendet, dass sie als durchweg vermögende Leute auf Renumerationen leicht verzichten konnten, so bleibt das gar nicht bezahlbare Opfer an Zeit, das um so drückender wurde, je größer die Firma war.

Am 30. März 1846 trug der Syndikus Sieveking im Senat vor, was er in Erfahrung gebracht hatte: Brasiliens Vizekonsul in Bremen, Kalkmann, der 1827 zusammen mit Adolph Schramm als Legationssekretär der Schwesterstadt die gemeinsame Gesandtschaft begleitet hatte, verhandelte mit dem brasilianischen Gesandten in Berlin und hatte die Absicht, selbst nach Rio de Janeiro zu segeln.

Die Commerz-Deputation empfahl, als Landkundigen Adolph Schramm heranzuziehen, der sich im Laufe des Jahres vermutlich eine Zeitlang in Rio aufhalten werde: er solle zu einer den Umständen entsprechenden Wahrnehmung der hamburgischen Interessen aufgefordert werden.

Dieser erstattete auf diese Aufforderung hin am 30. Juni von Pernambuco an Sieveking ausführlich Bericht, goss aber zunächst einmal Wasser in den starken Wein der Erwartungen.

Die Stimmung, die eine großzügig angelegte Auswanderung im Lande zu erwarten habe, kennzeichnete er so:

“Ob der Kaiser selbst –obgleich man weder behaupten kann, dass er gouverniere noch das er regiere – der Einwanderung hold ist, steht dahin. Freilich hat er in seiner Petropolis (d.h. seiner Sommerresidenz in den Bergen) einer Anzahl deutscher Kolonisten ein Asyl angewiesen; bei seinem Besuch in Rio Grande hat er dagegen der deutschen Kolonie nicht einmal vorübergehend Aufmerksamkeit geschenkt.

Unter der Bevölkerung –und also auch in den Kammern – sind die Stimmungen der Einwanderung feind: (Gründe seien) die ziemlich stark verbreitete Missgunst  gegen alle Fremden, der Unwille der Minenbesitzer, in ihrer Nähe weiße Arbeiter zu dulden, und die katholische Propaganda.“

 

Schramm führte noch einmal aus, was er zu diesem Punkt schon früher geschrieben hatte, und warnte davor, dass man in Hamburg allzu viel auf die Vorschläge des Berliner Gesandten dÁbrantes gab. Gegen die aufgezählten Kräfte werde er nicht ankommen; er sei als Mitglied der Opposition nach Europa geschickt worden, um seine Beredsamkeit und seinen Einfluss in den Kammern zu beseitigen; er lebe also in Berlin wie in einem ehrenvollen Exil.

Was konnte Schramm bei solcher Lage unternehmen? Er hätte sich –so teilte er dem Syndicus mit – gleich auf den Weg nach Rio gemacht, wenn er hätte glauben können, der Vaterstadt nützlich werden zu können; dafür aber bedürfe er eines beglaubigten Schreibens, das ihn beim Minister einführe, bedürfe er ferner statistischer Unterlagen, der gültigen Polizeiverordnungen sowie einer Auskunft über die voraussichtlichen Transportkosten. Kalkmann, der von Bremen nur beiläufig in amtlicher Weise unterstützt werde, habe nämlich seine Vorschläge sehr gut ausgedacht; er wolle die brasilianische Regierung dazu bringen, die Kostendifferenz zwischen der Überfahrt nach den Vereinigten Staaten und der nach Brasilien zu übernehmen. Haber er Erfolg, komme das nicht nur Bremen zugute; aber erst müssten Minister und dann noch die Deputiertenkammer gewonnen werden. Gelinge dies solle Kalkmann- wohl nach dem Vorbild der Belgier, denen 1845 die Einwanderung von 1000 Familien zugestanden worden war – Privatkontrakte abschließen; setze er das durch, könnten Hamburger Reeder dasselbe erreichen. Diese müssten sich dann nur überlegen, welche Art von Schiffen sie einsetzen: für Südbrasilien kämen nur solche mit höchstens zwölf Fuß Tiefgang in Frage; liefe man mit größeren Rio an, so würden durch das Umsteigen auf kleinere  bedeutende Spesen entstehen. Falls die Auswanderung einsetze, sei Hamburg jedoch auf Grund seines starken Handels mit Brasilien letzten Endes besser gestellt als Bremen, das so gut wie keine Handelsbeziehungen mit dem Kaiserreich Pflege.

Von Kalkmann persönlich hatte Schramm erfahren, in welchen Dimensionen dieser seinen Plan zu entwickeln gedachte: nach seinen Angaben waren Ende April bereits 22000 Einwanderer in Bremen eingetroffen, so dass man dort genötigt gewesen war, Schiffe aller Flaggen zu benutzen; im Laufe des ganzen Jahres rechnete Kalkmann mit 50 000 Auswanderern, was den obwaltenden Verhältnissen eine verblüffend hohe Zahl bedeutet.

„Mich will bedünken“, schloss Schramm kritisch, „dass – wie im Handel stets Schiffe den Waren, nicht die Waren den Schiffen nachlaufen – so auch bei diesem Speditionsgeschäft es hauptsächlich darauf ankomme, die Emigranten anzuziehen und dass es in diesem Werbeamte die Schwesterstadt, mehr Tätigkeit oder weniger Skrupel entwickelt“.

Inzwischen hatte auch der Sekretär der Commerz-Deputation, der in Wirtschaftsfragen ungemein beschlagene Dr. Adolph Soetbeer, der das Berliner Terrain geprüft hatte, geraten, mit großer Vorsicht vorzugehen und wegen der Bremer Pläne die eigenen nicht vorzeitig aufzudecken. Aber die allgemeine Stimmung verlangte, dass etwas geschah, und so kam es im Oktober zu dem von Sieveking erhofften und wohl auch geförderten, vorerst geheim gehaltenen Zusammenschluss der Interessierten, die sich abwechselnd als „Verein“, als „Gesellschaft“ und als „Comite“- das war der in brodelnder Zeit vor der Revolution üblich gewordene Ausdruck- bezeichneten.

Diese „Gesellschaft zur Beförderung der Auswanderung nach den südlichen Provinzen Brasiliens“- das war ihr voller Name- verfolgte das Ziel, dass die brasilianische Regierung ihr in den Provinzen Rio Grande oder Santa Catarina unentgeltlich 200 Quadratleguas überließ, also eine Fläche fast zwölf mal so groß wie die heutige des Stadtstaates Hamburg.

Der Syndikus hatte, wie er Schramm auf direktem Wege am 26. Oktober mitteilte, Bedenken, ob – falls sich Brasilien entschloss, das erbetene Land herzugeben – eine solche Verleihung gegen jede Anfechtung der Besitztitel gefeit sein werde. Er teilte auch das von Adolph Schramm vorgebrachte Bedenken, dass die katholische Propaganda sich gegen den Bau protestantischer Kirchen wendete und örtliche Zugeständnisse durch die Landesgesetzgebung wieder in Frage gestellt werden könnten; das werde denen einen erwünschten Vorwand bieten, welche die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten vor derjenigen nach Brasilien zu fördern suchten. Diese Fragen würden sich natürlich erst im Laufe der Verhandlungen klären lassen.

Der Syndikus erwartete für die Hamburger Projekte etwas Gutes durch günstige Nachrichten, die über das Gedeihen der Kolonie Sao Leopoldo vorlagen, und sah eine Erleichterung des Zustroms binnendeutscher Zuwanderer nach Hamburg voraus, da noch im laufe des Jahres mit der Eröffnung der Hamburg-Berliner-Bahn gerechnet werden durfte.

Das könne den Ausfall ersetzen, den Handel und Schifffahrt durch den soeben erfolgten Übergang Englands zum Freihandel zu gewärtigen hätten. Schramms Wirksamkeit sollte weiterhin einen nichtamtlichen Charakter behalten und „als ein den Interessen der Vaterstadt freiwillig gebrachtes Opfer“ betrachtet werden. Zur Erleichterung seiner Wirksamkeit erhielt Schramm jedoch ein an den Minister des Auswärtigen gerichtetes Einführungsschreiben, in dem es hieß: „De láveu du Senat de Hambourg je me permets de recommander a Votre Excellence de la maniere la plus particuliere mon ami, Monsieur Adolphe Schramm, qui a la Bresilien et Hambourgeois, meritant la confiance des deux Gouvernements, est plus que tout autre a meme de seconder le Consul General dans ses efforts tentant a reserrer les liens des deux pays par une colonisation sagement organisee – dass hier selbstbewusst das Kaiserreich Brasilien und der Stadtstaat Hamburg als zwei Länderkoordiniert sind, liest man nicht ohne Schmunzeln.




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