hamburg - joinville

Das Hotel de L'Europe 1849 in Hamburg

Ein Familienmitglied

beschreibt die Bestrebungen, die letztlich zur Besiedelung führten:


Die Deutsche Siedlungskolonie

Dona Francisca

Brasilien: (St. Catarina)

Im Rahmen gleichzeitiger Projekte und Verhandlungen

Von Percy Ernst Schramm

Geb.: 14.10.1894  + 21.11.1970 in Göttingen

 

Abschrift

a)      Brasilien

Im Rahmen der deutschen Kolonisationspläne

 

Die Frage der deutschen Auswanderung war seit den zwanziger Jahren allgemein brennend. Denn die Lebensmöglichkeiten in dem verarmten Deutschland waren so beschränkt, dass Regierungen es geradezu als Vorteil ansehen mussten, wenn von den zu zahlreich werdenden Untertanen ein Teil in Übersee sich eine neue Heimat suchte. Aber musste man sich damit abfinden, dass Auswanderer über kurz oder lang in den Überseevölkern aufgingen? Ließ sich die Auswanderung nicht so steuern. Dass es jenseits der Meere zu geschlossenen Siedlungen kam, die ihr Deutschtum bewahrten? In den dreißiger, erst Recht in den vierziger Jahren wurde die Deutsche Öffentlichkeit mit immer neuen Projekten überschüttet, die nur zu einem geringen Teil von Menschen stammten, die etwas von der Sache verstanden. Die einen dachten an Kalifornien und Texas, an Mittel- und Südamerika, selbst Patagonien, an Südafrika und Australien; die anderen rechneten mit dem Verfall des Osmanischen Reiches und glaubten, dass sich dadurch für deutsche Kolonien Chancen ergeben würden. Kaum ein Winkel der Erde  - sofern er bewohnbar war-, der nicht in diesen Diskussionen einmal aufgetaucht wäre! Dabei schillerte das Endziel in allen Farben der Regenbogens: die einen begnügten sich mit Siedlungen im Rahmen schon bestehender Staaten, denen ein Eigenleben eingeräumt wurde; die anderen hofften auf richtige Kolonien, in denen die Deutschen selbst die Herren waren.

Für den Beobachter, der die Entwicklung kritisch verfolgte, stand die Tatsache im Vordergrund, dass die bisherige Auswanderung in die Grenzbezirke Ungarns und nach Südrussland versiegte, da das Gros der Auswanderer nach den Vereinigten Staaten strebte, wo ihr Untergang im Amerikanertum nur eine Frage der Zeit war.

Kam Mittelamerika, kamen die spanisch sprechenden Republiken Südamerikas und Brasilien in Betracht? Auch in dieser Hinsicht wurden Vorschläge gemacht.

 

Der Hamburger Syndikus Dr. Karl Sieveking (Bild) hatte bereits im April 1841 an alle hamburgischen Konsuln in Ibero Amerika eine Denkschrift übersandt, die – von der geschichtlichen Entwicklung ausgehend- darzulegen sich bemühte, dass jetzt der Augenblick zu großzügiger Kolonisation gekommen sei; sie zählte auf, was Hamburg dazu beitragen könne und was die amerikanischen Regierungen tun müssten. Der Syndikus erhielt von offiziellen Stellen, darunter von brasilianischer Seite, eine Reihe zustimmender Äußerungen; aber die Konsuln selbst wiesen pflichtgemäß auf die fast überall bestehenden Schwierigkeiten hin. Der Generalkonsul Biesterfeld in Rio de Janeiro machte geltend, dass es in Brasilien noch gar keine gesetzliche Regelung der Einwanderung gebe und eine schon bestehende Kolonisationsgesellschaft bereits ihr ganzes Kapital eingebüsst habe.

Auf Sieverkings Bitte zeichnete auch der aus Hamburg stammende Kaufmann Adolph Schramm in einem ausführlichen Schreiben (2. Mai 1841) auf, was er zu dem so schön motivierten Projekt des Syndikus zu sagen hatte.  Zu solcher Stellungnahme legitimierte ihn ein zweifacher Grund: er hatte Sieveking als Legationssekretär begleitet, als dieser im Jahre 1827 zusammen mit Vertretern Bremens nach Rio de Janeiro gesegelt war, um im Namen der drei Hansestädte mit der Regierung des Kaiserreichs einen Vertrag abzuschließen, und gleich anschließend war er nach Brasilien zurückgekehrt, um hier ein neues Vermögen zu erwerben, da seine Familie es in der Franzosenzeit eingebüsst hatte. Um 1840 durfte er sich bereits als vermögender Mann und zugleich als guten Kenner des Landes betrachten. Er hatte nämlich seine Geschäfte anfangs von Pernambuco (jetzt Recife) aus betrieben, verlegte dann aber deren Schwergewicht nach Maroim im Staate Sergipe, da er dort unmittelbar an die Zuckergewinnung herankam; doch verbrachte er jedes Jahr mehrere Monate in Rio de Janeiro, wo er dank perfekter Kenntnisse des Portugiesischen in den Regierungskreisen und in der Gesellschaft viele Freunde besaß.

Brasilien habe – so legte Schramm dem Syndikus, der ihm Freund und Gönner war, eingehend dar- durch die Aufhebung des Sklavenhandels, die Befreiung größerer Schiffe von Anker- und Tonnengeld  und anderen Maßnahmen deutlich gemacht, dass es die Einwanderung wünsche. Nach Auffassung der Regierung seien Deutsche und  Schweizer als Kolonisten am besten geeignet –das hätten sie bereits in den blühenden Siedlungen Cantagallo, Caravellas und dem inzwischen durch den Krieg zerstörten Sao Leopoldo gezeigt.

 

Adolph Schramm wies nachdrücklich auf die ganz verschiedenen Aussichten hin, die sich für Bauern und für Handwerker böten. Vor zwei Jahren habe die Regierung der Provinz Pernambuco aus Hamburg ein Schiff voll Kolonisten kommen lassen; die Handwerker seinen jetzt bereits durchweg sorgenfrei, hätten womöglich schon ein kleines Kapital gebildet; denn wenn man die von der Regierung bezahlte Überfahrt anschließend abarbeite, könne man sich bereits nach einem Jahr selbständig machen. Dagegen seien die nicht handwerklich Geschulten, die im Straßenbau eingesetzt worden seien, entweder dem Klima erlegen oder weggelaufen. Erwünscht seien Zimmerleute, Maurer, Tischler, Stellmacher, Dachdecker; Schneider und Schuhmacher müssten dagegen mit der Konkurrenz der aus Europa fertig eingeführten Waren rechnen.

Für Bauern kämen nur die südlichen Provinzen mit ihrem milden Klima in Betracht, und sie müssten auch soviel Kapital besitzen, dass sie die Passage und den Unterhalt bis zur ersten Ernte bestreiten könnten. Schramm wies darauf hin, dass sich außer Rio Grande do Sul, der südlichsten Provinz, die der Küste vorgelagerte, 30 Quadratmeilen große und noch zu zwei Dritteln unbebaute Ilha Santa Catarina eignen würde, da sie fruchtbar sei, nicht zu weit von der Hauptstadt weg liege und nach allen Seiten Verbindung zur See habe. Deutsche Siedler würden dort auch bereits auf Landsleute stoßen; denn auf der Insel hätten sich die Reste der von Kaiser Dom Pedro II. im Bürgerkrieg benutzten deutschen Garde angesiedelt, und die dort ansässigen Brasilianer hätten sich, Dank ihrer Isolierung, noch ihre Einfachheit, Bravheit und Gastfreundschaft bewahrt. – Dazu kam es nicht, wie der Leser noch erfahren wird; aber von den beiden deutschen Siedlungen, die das Ergebnis der Kolonisationsbemühungen waren, liegt Blumenau auf gleicher Höhe und Dona Catharina etwas weiter nördlich. Schramms Vorschlag hatte also Hand und Fuß.

 

Was sollte man von der brasilianischen Regierung fordern? Die Schwierigkeit war, dass alle drei Monate die Minister wechselten und diese mit einer turbulenten Kammer fertig werden mussten, also nicht geneigt waren, sich auf langfristige Projekte einzulassen.  In sieben Paragraphen legte Adolf Schramm fest, was erreicht werden müsse, wenn man Verantwortung für Auswanderer übernehmen wolle.

 

Wo sollten diese auf’s Schiff gesetzt werden? Da von Hamburg fast wöchentlich Schiffe nach Brasilien abgingen, könnten mit Hamburg weder Bremen noch Holland und Belgien konkurrieren, da von dort sich nur selten Schiffgelegenheiten böten. Würde dies durch die süddeutschen Blätter bekannt gemacht, werde Hamburg die Auswanderer an sich ziehen können. Schramm ermunterte Sieveking in seiner Absicht, in Hamburg einen Verein für Integration ins Leben zu rufen.; in ihm müssten die beteiligten Staaten durch ihre diplomatischen Agenten vertreten sein und außer Reedern und einigen Associes brasilianischer Häuser auch einige Älterleute der Zünfte sitzen, die zur Beratung bei der Auswanderung von Handwerkern erforderlich seien. Die Reeder müsse man veranlassen, nur 40 höchstens 50 Dollar für die Passage zu fordern; dann würden auch die englischen Bergwerksgesellschaften, die deutsche Bergleute nach Brasilien schafften, den Hamburger Hafen benutzen. In den brasilianischen Häfen müssten Filialvereine gegründet werden – Anläufe dazu seien schon gemacht worden, aber sie seien zunächst durch schlechte Administration und Unkenntnis verunglückt. Falls die hamburgischen Konsuln in Brasilien herangezogen werden sollten, müsste erst mehr Disziplin in dieser Branche eingeführt werden, denn sie seien oft lange abwesend oder ganz nach Europa zurückgekehrt und ließen sich durch Associes vertreten, die keinen persönlichen Einfluss besäßen, worauf am Ende in Brasilien alles hinausläuft.

 

Sieveking ließ sich nicht entmutigen. Über den bayrischen Ministerresidenten in Bremen suchte er den König Ludwig I. von Bayern und seinen Sohn für die nach seiner Auffassung winkenden Aussichten zu interessieren. Er zählte die noch unerschlossenen Gebiete Südamerikas auf und verband sie mit einer kühnen Zukunftsvision: „Möchte in diesen unermesslichen, reichen und gesunden Länderstrecken nach dem Muster der Magna Graecia ein Magna Germania durch Arbeit und Freiheit erblühen. Wie leicht wäre es, durch eine Landwehr nach deutschem Muster sich der halbwilden Reiterschwärme der Gauchus, der mittelalterlichen Condottieris aus den Pampas, zu erwehren und die Abhängigkeit von den Regierungen spanischer und portugiesischen Ursprungs an Bedingungen zu knüpfen, wie sie die Erhaltung des deutschen Namens bei den Antipoden erfordert“-

Sieveking war ein Romantiker im doppelten Sinne des Wortes: er war noch durch die geistige Bewegung seiner Jugend- und Mannesjahre beschwingt und vertraute daher darauf, dass die Dinge letzthin dem Geiste gehorchten; er fasste aber auch in der Praxis des Lebens Pläne an, von denen realistisch eingestellte Politiker von vornherein die Hände ließen, weil ihnen der nüchterne Verstand sagte, dass sie zu romantisch, d.h. undurchführbar waren.

Der Syndikus schloss mit der Mahnung: “Die Sache ist zu ausführbar, um sie voreilig zu einem Gegenstand müßigen Geschwätzes zu machen.“ Er konnte jedoch nicht verhindern, dass die Öffentlichkeit sie aufgriff. Sachkundig äußerte sich 1846 in diesem Sinn der Professor Johann Eduard Wappäus, der Sohn eines Hamburger Reeders, der in den dreißiger Jahren auf einem Schiff seines Vaters Südamerika kennengelernt hatte und nun ein Buch über „Deutsche Auswanderung und Kolonisation“ vorlegte. Die Grundlage hatte ihm Traugott Bromme geliefert, der die in Betracht kommenden Länder kannte und sich seit langem für die Auswanderungsfrage interessierte; das Manuskript war von einem – damals völlig unbekannten, aber in den folgenden Jahrzehnten berühmt gewordenen- jungen Doktor namens Hermann Blumenau* hergerichtet worden, und Wappäus hatte dann noch aus Eigenem Zusätze beigesteuert.  Das Buch prüfte  nacheinander kritisch die Möglichkeiten, die sich von Kalifornien bis Südchile und Uruguay anboten, und fasste auch Südbrasilien ins Auge. Die von dort vorliegenden Nachrichten widersprächen sich, und höchste Vorsicht sei geboten. Aber wenn die Staatsmänner und die Kapitalisten sich ergänzen, beständen dort wohl aussichten.

 

“Möge“, so hieß es mahnend, „das neue Werk, wenn’s ausgeführt werden soll, in Hände geraten, die damit umgehen und sich rein von fremden Gute zu erhalten verstehen.“

Diese Bestrebungen hatten auf brasilianischer Seite bereits einen einflussreichen Fürsprecher gefunden in der Person des – mehrfach wieder zu nennenden Johann Jacob Sturz (1800 bis 1877 Dieser Sohn eines höheren bayrischen Beamten und Schüler des berühmten Geographen Carl Ritter hatte in England Bergbau und Maschinenwesen kennengelernt und war in einer mexikanischen Silbermine tätig gewesen. In den dreißiger Jahren war er nach Brasilien gegangen, hatte sich jedoch mit der englischen Gesellschaft, der er hier diente, wegen der Behandlung der Sklaven überworfen. Als Angestellter einer dritten englischen Gesellschaft, die das Recht erhielt, den Amazonas und andere brasilianischen Flüsse zu befahren, lernte er das Land besser kennen als die meisten Einheimischen. Mit Nachdruck trat er für eine geregelte Einwanderung ein, von der er sich nicht nur einen Auftrieb für das ganze Land, sondern auch eine Eindämmung der Sklaverei versprach. Dabei stieß er jedoch auf die Gegnerschaft der brasilianischen Großgrundbesitzer, die keine freien Landbewohner neben ihren Plantagen haben wollten, oder- falls Einwanderer ins Land strömten- bestrebt waren, sie im Wege  der Landverpachtung und anderer Mittel zu weißen Sklaven zu machen. Sturz ging 1841 nach England und versorgte die Vorkämpfer der Antisklavenbewegung mit Material, so dass die britische Regierung ihre Anstrengungen, die Einfuhr weiterer afrikanischer Sklaven nach Brasilien zu unterbinden, verstärkte.

Sturz hatte jedoch nicht nur Gegner in Brasilien, sondern auch einflussreiche Gesinnungsgenossen, die seine Bestrebungen unterstützten. Die Regeierung ernannte ihn 1843 zum Generalkonsul von Preußen , so dass er Gelegenheit erhielt, im Bunde mit dem brasilianischen Gesandten am Berliner Hof, dem Visconte dÁbrantes, sich für die Förderung der deutschen Einwanderung einzusetzen. Er wachte mit Argusaugen darüber, dass diese von ihm mit großem Idealismus geförderte Aufgabe nicht durch irgendwelche selbstsüchtige Interessen ausgenutzt wurde.

 



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