hamburg - joinville

Das Hotel de L'Europe 1849 in Hamburg

h)     Konsolidierung und Ausbau der Kolonie

Dona Francisca


  

Im Jahre 1851 waren 484 neue Siedler eingetroffen, in den nächsten Jahren waren es nicht so viele; aber im Gesamt vergrößerte sich die Siedlung von 1851 bis 1855 um 1812 neue Mitglieder; ihnen standen jedoch 111 Todesfälle sowie rund 300 Abwanderer gegenüber.

Bis zu diesem Jahr wirkte der Verein mit eigenen Kräften; dann aber war das zur Verfügung stehende Kapital von 150 000 Milreis aufgebraucht, und er hätte wahrscheinlich seine Tätigkeit einstellen müssen, wenn ihm nicht einer der Gründer, durch einen Zuschuss von 100 000 Milreis zu Hilfe gekommen wäre.

 

War es Adolph Schramm? War es die Familie Schröder? Das lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls war diese von 1857 an nicht mehr in der Lage, sich für die Kolonie einzusetzen. Denn die von den Vereinigten Staaten auch nach Europa übergreifende Handelskrise, die in Deutschland am stärksten Hamburg erfasste, ließ den Kaffeepreis sinken. Durch Intervention der brasilianischen Regierung konnte er aufgefangen werden; aber das Haus „Ch. M. Schröder u. Co, „ brach zusammen; der Senator musste von seinem Amt zurücktreten, erhielt jedoch eine Ehrenerklärung und das volle Senatorengehalt als Pension. Adolph Schramm, der sich ja so gut wie ganz dem Zucker verschrieben hatte, wurde dagegen nicht gefährdet.

Trotz des gewährten Zuschusses war es nötig, die Regierung um Hilfe anzugehen. Bereits 1855 kam ein Vertrag mit dem Verein einerseits, mit dem Agenten des Prinzen andererseits zustande, in dem die Regierung sich verpflichtete, für jeden Kolonisten eine Prämie von 20 bis 30 Milreis zu zahlen. Der Verein übernahm es 2250 neue Einwanderer heranzuschaffen; der Agent sagte gut für 4000. Ein Zusatzvertrag ergänzte im folgenden Jahr die Zusagen der Regierung: sie wollte auch zu den Bauten Zuschüsse zahlen.

An Ort und Stelle lag die Schwierigkeit daran, dass es nicht gelang, für die Kolonie einen gleich uneigennützigen und organisatorisch begabten Mann zu gewinnen, wie die Schwesterkolonie ihn in Dr. Blumenau besaß. Schon 1846 hatte Adolph Schramm ja nach Hamburg geschrieben, die Hauptbedingung für den guten Fortgang der geplanten Kolonie sei die Wahl eines charakterfesten, praktischen und energischen Directors, und in dieser Hinsicht haperte es ein Jahrzehnt lang. Hauptmann v. Frankenberg legte die Leitung nieder und widmete sich mit Erfolg einem eigenen Anwesen.

Ihm folgte der Franzose L. Aube

 

 

 

Louis Francois Leonce Aube (geboren in Paris, Frankreich, 1816 —gestorben 19. Februar 1877), ein intelligenter und tätiger, aber seiner Aufgabe doch nicht gewachsener Mann, der als Agent des Prinzen in die Kolonie gekommen war und die Führung übernommen hatte, weil niemand anders greifbar war. Er begünstigte Siedler von der Art, die Blumenau von seiner Kolonie fernzuhalten verstand, also solche, die nicht mit eigener Faust zuzupacken gewillt waren. „man wollte„ so berichtete rückschauend der Schweizer Gesandte J.J. von Tschudi auf Grund eingehender Erkundigungen an Ort und Stelle, „nach allen Richtungen hin glänzen, Dona Francisca a tout prix zur ersten Kolonie des Reiches, Joinville zu einem Zentralsitz der Intelligenz und des gesellschaftlichen Lebens machen und bemühte sich weit mehr, dieses zu heben, als den wahren Kolonialinteressen zu genügen.“ Nicht nur Liedertafel, Leseverein, Liebhabertheater und Freimaurerloge entstanden, sondern auch Bälle und Trinkgelage bürgerten sich ein.

Kein Wunder, dass von den 8000 Kolonisten, die bis 1860 kamen, nur ein Drittel feste Wurzeln schlug. Die Verhältnisse fingen erst an sich zu bessern, als 1860 Aube’ durch O. Niemeyer ersetzt wurde.

Als im Jahre 1861 der Bremer Generalkonsul in Rio de Janeiro, Christian Stockmeyer, der seinem in gutem Andenken gebliebenen Vater im Amt gefolgt war, die beiden deutschen Kolonien besuchte, musste sein Urteil noch unterschiedlich ausfallen. In Blumenau gewann er sehr positive Eindrücke: da hier nur arbeitsame und unbescholtene Leute aufgenommen wurden, war der Charakter einer agrarischen Gemeinschaft besser erhalten geblieben als in der Kolonie der Hamburger. Der Generalkonsul rühmte besonders den wackeren und eifrigen Gründer derselben, Herrn Dr. Blumenau: er traf ihn schon in seiner neuen Funktion, also als den von der Regierung bestellten Koloniedirektor, an. Die Kolonie Dona Francisca war noch selbständig; doch stand davor, dass auch sie von der Regierung übernommen wurde.

Über die Gründung der Hamburger erstattete der Generalkonsul dem Bremer Senat folgenden Bericht: „Von Blumenau begab ich mich nach Dona Francisca, wo ich nach nochmaliger dreitägiger Reise auf sogenannte Wegen –nach Durchschwimmen von Flüssen (von Brücken ist in der Provinz Santa Catarina wenig die Rede) und anderen Beschwerlichkeiten als Wolkenbrüche etc. – endlich wohlbehalten anlangte. In dieser Kolonie hatte ich nun leider das Unglück, fast volle vierzehn Tage von dem grässlichsten Regenwetter an genaueren Nachforschungen verhindert zu sein. Ich konnte mich während dieser Zeit der grundlosen Wege halber von dem Zentrum der Kolonie, Joinville genannt, einem kleinen, stadtähnlich angelegten Ort, nicht entfernen und lernte demnach vorläufig nur das Treiben in dieser kleinen Ansiedlung kennen, welches jedoch keinen besonders befriedigenden Eindruck auf mich machte. Zwischen der Direktion und einem Teil der Bevölkerung schien kein gutes Einvernehmen zu herrschen; die Bewohner selbst war in Parteiungen; Klatschereien hin und her waren an der Tagesordnung, und das leidige Wirtshausgehen hatte hier schon ein weiteres Feld gefunden. Auch fand ich daselbst manche Leute, welche ganz und gar nicht für Kolonialleben geschaffen waren, wie Künstler und dergleichen, welche –durch schöne Vorspiegelung veranlasst- dahin gegangen waren und jetzt gern wieder weg möchten, wenn sie nur die Mittel dazu hätten; die armen Leute müssen sich dort kümmerlich durchhelfen.“

Joinville selbst liegt sehr hübsch und ist regelmäßig gebaut, aber es scheint mir zu tief zu liegen, da es des öfteren Überschwemmungen in einzelnen Teilen ausgesetzt ist, und das Terrain, auf dem es gebaut ist, sowie auch das nächst umliegende ist äußerst unfruchtbar. Unter einer höchstens fußdicken Decke guter Erde befindet sich eine Schicht verhärteten Sandes, welche das in der Erde eindringende Wasser nicht aufnimmt und mithin aus der Erde ein halbes Sumpfland macht.“

In den letzten Tagen meines Aufenthaltes daselbst hatte ich endlich einige schöne Tage und benutzte dieselben, um wenigstens einige Anpflanzungen zu besuchen. Hier fand ich nun allerdings bedeutend besseres Land und gedeihende Anpflanzungen sowie auch meistenteils gut angelegte Wege. Jedoch schien es mir, als ob einzelne Kolonisten nicht genug Land für ihre Bedürfnisse hätten: ein großer Übelstand, dem aber –wie man mir sagte- bald abgeholfen werden würde.“

Trotz solcher Kritik im einzelnen kam dieser sachkundige Besucher –wie schon drei Jahr vor ihm der Brasilienreisende Ave-Lallemand- zu einer positiven Gesamtbeurteilung: „Auch die Kolonie Dona Francisca darf nach meiner Meinung einer guten Zukunft entgegen sehen, wenn sie erst in Regierungshänden ist und wenn die Strasse über das Gebirge nach Coritiba, der Hauptstadt der Provinz Parana, fertig sein wird. Die Lage selbst ist eine sehr günstige; denn in der Nähe liegt die geräumige, tiefe und sichere Bai von Sao Francisco, welche eine gute Gelegenheit zur Exportation der Produkte der Kolonie, eines Teiles der Provinz Santa Catarina und eines Teiles der Provinz Parana darbietet.“

In der Tat verbesserten sich fortan die Verhältnisse. Im Jahre 1860 hatte die Kolonie 2885 Seelen (darunter 2403 Protestanten) in 690 Feuerstellen gezählt; 1863 war sie auf 4120 (davon 3374 Protestanten) in 785 Feuerstellen angestiegen. 1865 begründete Dr. Dörffel, der Sekretär der Administration, eine Zeitung in deutscher Sprache.

In dem 1867 erschienenen Reisebericht des Gesandten v. Tschudi ist das Urteil daher bereits rein positiv. Er berichtete seinen Lesern, dass er den günstigen Eindruck, den ihm Dona Francisca vom ersten Tage an gemacht habe, beibehalte. Nachdem der die Kolonien, die durch die Grundbesitzer geschaffen waren, bereist hätte, wo sich die Klagen Häuften, sei es für ihn ungemein wohltuend gewesen, hier eine verhältnismäßig zufriedene Kolonistenbevölkerung vorzufinden. Er fasste sein Urteil in die Worte zusammen: „Die Kolonie steht jetzt auf einer sicheren Basis; ihre Zukunft ist durch die wichtigsten und zum Gedeihen eines solchen Unternehmens unumgänglich notwendigen Bedingungen gesichert“.

Von jetzt an ging es stetig aufwärts: 1870 gab es schon rund 6500, 1880 18000 Einwohner. Auch war eine Tochter Siedlung Sao Bento hinzugekommen.

Die ganze Kolonie (Mutter und Tochter) umfasste jetzt 4000 Quadratkilometer, war also größer als das Herzogtum Braunschweig; allerdings bestand ein teil des Gebietes noch aus Urwald und unbewohnbarem Gebirgsland. Die Siedlung Joinville, für die 110 000 Morgen abgesondert worden waren, erhielt 1868 die Rechte eines Municipiums, 1877 die einer Stadt. Der Anteil des Heimatlandes kam darin zum Ausdruck, dass Preußen sowohl in Blumenau als auch in Dona Catharina Vizekonsuln bestellt; von 1871 an vertraten sie das Deutsche Reich.

Die beiden Siedlungen in Santa Catharina hätten sich noch schneller entwickelt, wenn nicht Brasiliens Generalkonsul beim Deutschen Bund, des öfters genannte J.J. Sturz, aus einem Befürworter der Kolonisation zu deren Feind geworden wäre. Da seine Warnungen in Deutschland und noch von anderen unterstützt wurden, ergab sich eine antibrasilianische Stimmung. Hermann Blumenau, dem ja Sachkunde nicht abzustreiten war, versuchte ihr 1856 mit einer aufklärenden Broschüre entgegenzutreten. Bei Auswanderern nach Nordamerika setze man als selbstverständlich voraus, dass er über Klugheit, Tüchtigkeit und Arbeitskraft verfüge, und nehme es als selbstverständlich hin, dass er andernfalls zugrunde gehe: „Geschieht aber ähnliches einem deutschen Einwanderer in Brasilien, so sind plötzlich alle Verhältnisse umgekehrt, und nicht seine törichte Arglosigkeit und Unklugheit, ein Mangel an Tatkraft und Umsicht, nicht seine Untätigkeit tragen die Schuld, sondern Brasilien und die in ihm herrschende schlechte Wirtschaft.“

Da Sturz seine Propaganda fortsetzte, sprach ihm die brasilianische Regierung 1857 sein Amt ohne Pension ab. Jetzt zu keiner Rücksichtnahme mehr verpflichtet, warnte Sturz erst recht in zahlreichen Aufsätzen und Artikeln die deutsche Öffentlichkeit, was zur Folge hatte, dass der preußische Minister von der Heydt 1859 ein –von anderen Bundesstaaten in ähnlicher Form übernommenes und erst 1896 aufgehobenes- Reskript unterzeichnete, das das Anwerben von deutschen Auswanderern nach Brasilien erschwerte.

Adolph Schramm hatte Sturz von Anfang an nicht für einen seriösen Mann gehalten und deshalb 1846 strikt abgelehnt, dem Hamburger Verein weiter zu helfen, falls dieser sich auf Sturz einließ. Sturz war insofern im Recht, als England die Einfuhr neuer Negersklaven von Afrika nach Brasilien 1851 abermals erschwert hatte und nun die Gefahr bestand, dass die brasilianischen Großgrundbesitzer die knapp werdenden Arbeitskräfte durch Weiße ersetzten, die in die zu warme Provinzen gelockt wurden und außerdem durch sogenannte „Parceria – Kontrakte“ (freie Überfahrt und Landbeteiligung gegen Verpflichtung, durch Arbeit Bezahlung zu leisten, Halbpachtsystem) in eine sklavenartige Abhängigkeit gerieten. Aber Sturz goss das Kind mit dem Bade aus und erschwerte dadurch den einwandfreien Siedlungen den schnellen Anstieg, den sie sonst wohl gehabt hätten.

Als 1865 zu einer öffentlichen Sammlung für den inzwischen veramten Generalkonsul aufgerufen wurde, unterschrieb kein Hamburger –begreiflich, da er inzwischen auch sie verdächtigt hatte. 1867 veröffentlichte Dr. Blumenau, der ebenso zu den Angegriffenen gehörte, eine Eingabe an die deutsche Regierung, die dem von Sturz entworfenen Bilde widersprach, und 1868 trat die „Allgemeine Auswanderungs-Zeitung“ mit einer umfangreichen „Abwehr“ seiner Angriffe heraus.

Den Rest seines Lebens verbrachte dieser erst 1877 gestorbene, uneigennützige, aber schwer zu behandelnde Mann damit, dass er sich mit unermüdlicher, aber stets einseitiger Propaganda für eine deutsche Auswanderung nach Chile und in das La-Plata-Gebiet sowie für alle möglichen philanthropischen Ziele einsetzte.

 

Adolph Schramm, der nach 1848 nie wieder nach Brasilien zurückkehrte, blieb dem Kolonialverein und durch ihn mit „Dona Francisca“ weiter verbunden. Andererseits verdichteten sich seine Beziehungen zum Prinzen von Joinville; er stand mit ihm im Briefwechsel und besuchte seine Mutter, die Witwe des Königs Louis Philippe, in ihrem belgischen Exil. Auch legte er Geld in Brasilien an, indem er unerschlossene Gelände ankaufte. Der Kaiser Pedro II. nannte ihn den “ rey de Maroim“ und verlieh ihm den Christus- und den Rosenorden.

Als alter Mann durfte Schramm sich sagen, dass er nicht nur das in der Franzosenzeit verlorengegangene Vermögen der Familie wiederhergestellt und dem Bruder sowie den Neffen eine neue Lebensmöglichkeit eröffnet hatte, sondern dass er die Reihe jener nicht allzu zahlreichen Männer aufgerückt war, die inmitten vieler Glücksritter und Ausbeuter, inmitten von Phantasten und Projektenmachern es zuwege gebracht hatte, Deutsche –ohne dass sie ihre Eigenart aufgaben- in Übersee so anzusiedeln, dass sie es dort besser hatten als daheim.

In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts lebten in Rio Grande do Sul 200 000, in Santa Catarina 100 000, in ganz Brasilien etwa 400.000 Menschen brasilianischer Staatsangehörigkeit, die sich in Sprache und Kultur noch zum Deutschtum bekannten.

Hier endet die Abschrift aus dem zweiten Band:

Neun Generationen

Dreihundert Jahre deutscher Kulturgeschichte 

im Lichte der Schicksale

einer Hamburger Bürgerfamilie

(1640-1948)


Diesem Bericht ein kleiner Nachtrag dem Sachkundigen zum Gedenken:

Das Alter eines Menschen beginnt mit dessen Geburt und nicht mit dessen Zeugung.

Am 20. Oktober 1852 war ein Geburtsdatum, die Geburt Joinvilles.







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