hamburg - joinville

Das Hotel de L'Europe 1849 in Hamburg

Neuer Start auf privatwirtschaftlicher Grundlage:

Die Kolonie Dona Francisca

 

Wer zu Anfang der fünfziger Jahre eine Bilanz zog, musste sich eingestehen, dass von allen Hamburger Brasilienplänen nur Scherben übriggeblieben waren. Das traf auf alle anderen Projekte ähnlicher Art nicht minder zu. Viele Kolonisationspläne und Auswanderungsvereine seien –so stellte 1852 die Zeitung „Der Grenzbote“ fest, -in den letzten Jahren in Deutschland angefasst worden: Nach Russland, nach Ungarn, nach Kleinasien, vielleicht der Südspitze von Afrika, nach Australien und dem Archipel riefen lockende Stimmen, trieben Vereine von Reedern oder Kapitalisten, ohne dass es irgendwo der Tätigkeit solcher Vereine gelungen wäre, der Auswanderung eine Organisation, ja auch nur ein gutes Ziel zu geben. Gerade Unternehmungen, welche mit dem größten Anlauf unternommen wurden, haben am wenigsten gewirkt. Das Berliner Moskito-Projekt hatte das Missgeschick, welches viele Unternehmen dieser emotionslustigen Stadt verfolgt: es erwies sich als unausführbar, und der adelige Texasverein mag den unruhigen Zeiten danken, welche ihm über die Verfolgung des öffentlichen Anklägers, der Presse weggeholfen haben; denn sein Geschäft war in mehrfachem Sinne ein schlechtes Geschäft. Wie er, so scheiterten auch andere Vereinigungen an den zwei Übelständen; mangelhafte Kenntnis und Sorglosigkeit der Vorsteher an den Gaunereien der Geschäftsführer und Agenten.“ Also Resignation ringsum, womöglich sogar ein schlechtes Gewissen.

In diesem düsteren Aspekt gab es –und darauf wies der „Grenzbote“ seine Leser anschließend hin- nur einen Lichtpunkt, und das war Brasilien! Denn die an diesem Land Interessierten hatten trotz der Enttäuschungen nicht locker gelassen. Sie fingen 1849 von neuem an, und binnen kurzer Zeit gab es nicht nur eine regelmäßige, direkte Schiffsverbindung von Hamburg nach Rio de Janeiro, sondern auch zwei deutsche Siedlungskolonien: die des Dr. Blumenau, der sein Ziel ohne Hilfe erreichte, und die von Hamburg ins Leben gerufene Kolonie Dona Catharina mit der Stadt Joinville.

Zu dieser Gründung kam es auf folgende Weise: Die Verhandlungen des Hamburger Vereins mit dem Prinzen von Joinville liefen wieder an. Denn das Jahr 1848 hatte für diesen eine völlig neue Situation geschaffen: sein Vater, der König Louis Philippe, war abgesetzt worden und lebte fortan im Exil. Daher fielen für den Prinzen die Bedenken fort, die er bisher als Franzose hatte hegen müssen. Durch einen Bevollmächtigten ließ er daher 1849 in Hamburg zu versehen geben, dass er geneigt sei, die abgerissenen Verhandlungen wieder aufzunehmen. Darauf wurden die Mitglieder des aufgelösten Vereins zusammengerufen. Aber dessen Wiederbelebung wollte nicht gelingen; es wurden Stimmen laut, die meinten, man solle das Projekt an die Nationalversammlung in Frankfurt verweisen, da sie das Auswanderungswesen zur Staatssache gemacht habe. Daher war nur eine kleine Gruppe bereit, das lohnende Projekt Hamburg zu sichern. Denn das Gebiet, das der Prinz anzubieten hatte, erfüllte alle Wünsche, die sich im Laufe der vergangenen Jahre herausgeschält hatten.: es lag in der Provinz Santa Catarina, hatte also ein weder zu heißes noch zu kaltes Klima, zeichnete sich durch reine und gesunde Luft aus, war von klein Flüssen durchschnitten, die sowohl den Verkehr als auch die Wasserversorgung sicherten, stieß an das Meer und besaß auf der vorgelagerten Ilha Sao Francisco einen für Seeschiffe erreichbaren Hafen. Es waren zunächst nur wenige Männer, die sich zusammentaten; die Firma Christian Matthias Schröder u. Co. in Hamburg vertreten durch den

 

 

 


Senator Christian Matthias Schröder (1778-1860), in Brasilien durch dessen Söhne, den Generalkonsul Hermann (1815-50) und den Kaufmann Eduard Schröder 1818-1862, ferner Adolph Schramm und Georg Wilhelm Schröder 1794-1862), ein entfernter Verwandter der vorgenannten, der seinen Lebensabend als Gutsbesitzer  bei Oldesloe beschloss. Diese Unentwegten konstituierten sich als „Colonisations-Verein von 1849 in Hamburg“. Ihr Gedanke war, erst einmal zu handeln und dann zu einem günstigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit zu treten. Da außer mit dem Prinzen auch noch mit der brasilianischen Regierung zu verhandeln war, trat dieser Augenblick erst nach mehr als anderthalb Jahren ein.

Die Gründer suchten den preußischen Ministerpräsidenten, den Grafen Otto von Manteuffel, zu interessieren, aber das Auswärtige Amt hatte Bedenken. Auch ein „Berliner Verein für Zentralisation deutscher Einwanderung und Kolonisation“,  der sich 1849 konstituierte, konnte keine Hilfe leisten. Die Hamburger mussten sich also auf sich selbst verlassen, und sie taten es.

Der neue Verein wollte ganz bewusst in kleinem Zuschnitt beginnen, dachte also nicht mehr wie sein Vorgänger an ein Gebiet, das größer als das Staatsgebiet Hamburg gewesen wäre. Er schloss vielmehr mit dem Prinzen und seiner Gemahlin einen Vertrag ab, der den Hamburgern ohne Bezahlung (?) 9 Quadratleguas (zu je 1600 Hektar/somit 144 qkm)) einräumte, die aus einem Areal von mindestens 11 Quadratleguas ausgewählt werden durften, so dass unbrauchbare Stücke ausgeschlossen blieben.

Der Prinz reservierte sich aus diesem Gelände 5 Hektar Stadtland, 500 Hektar Ackerland und – gegebenenfalls- die Ausnutzung von Bodenschätzen. Im Gesamt konnte der Verein über 13895 Hektar (55 580 Morgen/138,95 qkm)) verfügen, also über so viel, wie etwa ein begüterter deutscher Magnat besaß.

Der Verein ging gegenüber dem Prinzen die Verpflichtung ein, im ersten Jahr 100, im zweiten 200 und in den drei folgenden Jahren je 400 Kolonisten jeden Alters und Geschlechts anzusiedeln und solange mit dem Notwendigen zu versehen, bis die Neuangekommenen von ihrer ersten Ernte leben konnten. (Anmerkung: ohne Bezahlung (?))  Der Verein hatte ferner für die Hauptwege und für die Ausnutzung der Flüsse zu sorgen, die Kommunaleinrichtungen zu schaffen, Kirchen und Schulen zu bauen und Prediger sowie Schullehrer anzustellen. Die Kolonisten, von denen ungescholtener Lebenswandel gefordert wurde, hatten ihre Überfahrt –sie kostete von Hamburg bis an Ort und Stelle nur 55 Thaler –selbst zu bezahlen und sollten pro Kopf als Substanzmittel 20 Thaler besitzen; aber sie konnten Vorschüsse empfangen. Außerdem hatten sie noch für das neue Gemeinwesen eine kleine Abgabe zu zahlen. (hier sollte man vielleicht auseinander halten, dass der „“Grundstückseigentümer““  der Prinz war, nicht jedoch der Volksvertreter. Siehe vorherigen Hinweis, dass die brasilianische Regierung Verhandlungspartner war, welche die Bedingungen zur Besiedlung stellte.)

Der Prinz verpflichtete sich, nach angelaufner Kolonisation unter den gleichen Bedingungen 12  Quadratleguas herauszugeben; doch waren dann 1o Francs pro Hektar zu bezahlen –hier erkennt man, was den Prinzen zum Abschluss veranlasste; sein Gelände war ohne Bewohner zunächst praktisch wertlos da es noch unerschlossen war; sowie es aber bewohnt wurde und eine Anziehungskraft auf Einwanderer ausübte, musste sein Wert von Jahr zu Jahr steigen.

Die Verhandlungen mit der brasilianischen Regierung führten gleichfalls zum Ziel, da der Prinz sich –wie zugesichert- mit Erfolg einschaltete. Der Kaiser Dom Pedro II., der Schwager des Prinzen, und die Kaiserin bekundeten ihr Interesse, und die Regierung gestand im Einvernehmen mit den Kammern zu, dass die Kolonisten ohne Zoll und Ankergeld gleich dort an Land gesetzt werden durften, wo sie hinwollten. Sie brauchten 10 Jahre keine direkten Abgaben zahlen, wurden auch vom Militärdienst befreit und erhielten das Recht zugesichert, Gottesdienst jeder Konfession abhalten zu dürfen. Die Kammern sanktionierten auch das vom Verein vorgesehene Verbot der Benutzung von Sklaven- „was zur Erhaltung deutscher Sitte und Sprache um so mehr beitragen wird, als in der ganzen Ausdehnung der Kolonie auch nicht ein einziger Brasilianer angesiedelt ist“.

 




 


 

 

 

 

 

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